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An der Pädagogikfront: Doreen Gläser berichtet offen über die Gründung einer Kita in Deutschland – KITAnGO

Wenn es um die Kinderbetreuung in Deutschland geht, dann mangelt es nahezu an jeder Ecke. Denn das Problem mit den knappen Betreuungsplätzen und dem Erziehermangel gibt es nicht erst seit gestern. Nicht selten leidet die Qualität der Betreuung darunter. Auch wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, fällt die Umsetzung manchmal den Kitas und Eltern schwer, denn die Organisation des Alltags verlangt beiden Seiten viel ab. Das hat sich auch Doreen Gläser gedacht und beschlossen, mit ihrer eigenen Kita ein Statement zu setzen.

 

Doreen Gläser ist zweifache Mama, Gründerin der KidsLounge GmbH und Inhaberin des natureLAB. Seit März 2018 ist sie Erste Vorsitzende des Unternehmerinnen Netzwerk Seligenstadt e.V. Doreen Gläser versteht sich als Netzwerkerin, Visionärin und hilft Gründungsinteressierten bei der Entwicklung eigener Geschäftsideen.

 

Frau Gläser, Sie befinden sich momentan im Gründungsprozess einer Kita. Können Sie uns erzählen, wie Sie auf die Idee gekommen sind, Ihre eigene Kita zu gründen?

Doreen Gläser: Mit der Zeit habe ich angefangen mich für das Thema Kinderbetreuung zu interessieren. Ich habe mich schlau gemacht, welche Arten von Betreuung es überhaupt gibt, was sinnvoll für meine Familie ist und womit wir als Familie am besten umgehen können. Soll es die klassische Kita sein oder doch eher ein Au-Pair? Nach dem Entschluss für eine Kita hat mich das Thema Kitalandschaft in Deutschland jedoch nicht losgelassen. Also habe ich mir über die Zeit immer wieder verschiedene Informationen eingeholt, recherchiert und dabei festgestellt, dass das, was es bisher an Kitas auf dem Markt gibt, in der Art wie es betrieben wird, für alle Seiten sehr unbefriedigend ist. Die Kinder sind zwischengeparkt, die Eltern gestresst. Die Rahmendbedingungen der Kitas geben Eltern nur wenig Spielraum für die Gestaltung und Organisation des Alltags.

 

Sie sprechen die Unbefriedigung an und sind mit diesem Argument nicht die Einzige in Deutschland. Viele Eltern, vor allem Frauen, sind mit dem Thema Kinderbetreuung unzufrieden, gründen aber nicht infolgedessen sofort eine Kita. Was hat Sie dazu bewogen, dennoch diesen Schritt zu gehen?

Doreen Gläser: Genau deswegen habe ich mich dazu entschlossen. Ich habe zu mir selbst gesagt, dass ich nicht nur zu Hause sitzen kann und meckern – aus dem meckern muss auch machen werden! Und das ist für mich mein persönlicher Ehrgeiz. Es bringt mir nicht viel, wenn ich mich damit belese und beschäftige und das Ganze dann in der Schublade lasse. Deshalb habe ich zu mir selbst gesagt, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder du akzeptierst was da ist oder du versuchst etwas Anderes zu etablieren. Und ich wurde in meinem Denken bestärkt, denn mit meiner Idee bin ich in unserer Gemeinde offene Türen eingelaufen. Die Begeisterung und Unterstützung ist nach wie vor groß und dafür bin ich sehr dankbar!

 

Wie lief die Gründung Ihrer eigenen Kita ab?

Doreen Gläser: Zunächst einmal habe ich mir über einen Zeitraum von ca. 1 ½ Jahren einen Überblick über die aktuelle Lage verschafft. Ich habe mir viele Informationen zusammengesammelt, indem ich mir viele Kitas angeschaut habe, mich mit Kita-Leitungen und Erziehern unterhielt. Außerdem habe ich das Gespräch mit sehr vielen Eltern und Unternehmen gesucht, um mir möglichst viele Eindrücke zu verschaffen. Aus diesen wiederum habe ich mir ein grobes Gerüst gebaut. So konnte ich mir einen Plan machen über den aktuellen Ist-Bestand und meinen eigenen Wunschvorstellungen, sowie die der Eltern und Unternehmen. Mit einer pädagogischen Supervisorin habe ich die Feinheiten ausgearbeitet, somit stand das Konzept der Kita. Anschließend habe ich mich mit den finanziellen Aspekten befasst, um daraus einen Businessplan zu erstellen und somit die Finanzierung der Kita zu stemmen. Hierzu musste ich das Netz weiterspinnen, indem ich mich über Fördermittel informiert habe und auch Kontakt zu Architekten aufgenommen habe. Denn neben den gesetzlichen Richtlinien und Vorschriften, die beim Bau einer Kita einzuhalten sind, muss auch geklärt werden, welches Grundstück überhaupt in Frage kommt und ob es beispielsweise gekauft, gepachtet oder gemietet wird. Die Thematik ist äußerst komplex, denn nur alle Faktoren zusammen gesehen und zusammen gerechnet machen zum Schluss das Gesamtbudget aus.

 

Umbau oder Neubau? Wie haben Sie sich nach dieser ausgiebigen Bestandsaufnahme entschieden und warum?

Doreen Gläser: Neubau. In meinem Fall war die Entscheidung relativ schnell klar. Zum einen sind in der Umgebung keine Immobilen vorhanden, die geeignet für den Umbau zu einer Kita wären. Der Platz reicht nicht aus und die vielen gesetzlichen Vorschriften, die eingehalten werden müssen, lassen sich nicht realisieren. Zum anderen ist eine Frischkostküche in der Kita geplant, auf die ich nicht verzichten möchte. Durch die speziellen Vorgaben, was beispielsweise die Essenszubereitung und -entsorgung, Abluft, Hygiene, etc. angeht, ist auch hier die Entscheidung klar auf den Neubau gefallen. Mit dem Entschluss des Neubaus stand auch der Entschluss der Gründung der heutigen KidsLounge GmbH.

 

Soweit so gut. Alles ist durchdacht, geplant, auf Papier gebracht und finanziert. Die Bagger können anrollen! Doch die Realisierung der KidsLounge ist bisher noch nicht passiert. Warum?

Doreen Gläser: Nach der Bauantragsstellung und der anschließenden Baugenehmigung hat ein Anwohner Klage gegen den Landkreis und somit den Bau der KidsLounge eingereicht. Dadurch ist die bereits erteilte Baugenehmigung in Schwebe gesetzt. Das bedeutet konkret, dass kein Spatenstich gemacht werden darf, da sonst alle zukünftigen Ansprüche auf Fördermittel entfallen. Die Klage wurde in der ersten Instanz abgewiesen, befindet sich jedoch momentan vor dem Oberverwaltungsgericht in Kassel in der zweiten Instanz. Erst wenn der Entschluss positiv für den Landkreis und somit positiv für die KidsLounge ausfällt, kann der Bau begonnen werden.

 

Trotz den aktuellen Umständen sind Sie immer noch sehr zuversichtlich und positiv gestimmt. Was gibt Ihnen die Motivation und die Kraft weiterzumachen?

Doreen Gläser: Motiviert bin ich mehr denn je. Der Zuspruch vieler Menschen für die KidsLounge gibt mir sehr viel Kraft. Meine Motivation und Kraft ziehe ich aber auch daraus, dass ich an mein Konzept glaube und davon zu 100% überzeugt bin. Es ist tragfähig und die Zukunft der Kinderbetreuung in Deutschland. Außerdem bin ich ein Mensch, der das große Ganze sieht und der sich gerade deshalb mit kleinen Erfolgen gut motivieren kann. Für jemand anderen sind das vielleicht Mini-Schrittchen, aber für mich sind das Meilensteine.

 

Welche Tipps bzw. Anregungen können Sie anderen an die Hand geben, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, eine eigene Kita zu gründen?

Doreen Gläser: Gründer sollten sich ein gutes Netzwerk aufbauen aus Fachleuten. Vor allem aber niemals den Mut und das Vertrauen in die eigene Person verlieren.

 

Vielen Dank Frau Gläser für ihre Offenheit und die zahlreichen Einblicke hinter die Kulissen. Gerne berichten wir in einem weiteren Interview, wie der Bau einer Kita abläuft. Bis dahin wünschen wir viel Durchhaltevermögen und drücken die Daumen, damit die Bagger zeitnah anrollen können!

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