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An der Pädagogikfront: Kristin Becker erzählt über ihren besonderen Beruf als Hebamme – KITAnGO

Der Beruf einer Hebamme gehört zu den wohl wichtigsten Berufen der Welt. Hebammen sind wahre Heldinnen, denn sie leisten weitaus mehr, als man denkt. Mit ihrem Können und Wissen stehen sie nicht nur werdenden Müttern während ihrer Schwangerschaft beiseite und unterstützen die Geburt, sondern machen so viel mehr. Aber welche Aufgaben und Tätigkeitsfelder umfasst überhaupt dieses Berufsfeld? Ab wann braucht eine Frau eine Hebamme? Und wo findet man eine? Und welche ist „die Richtige“?

 

Kristin Becker ist Hebamme aus Leidenschaft. Mit einer langjährigen Berufserfahrung im Bereich der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege ist sie mit den Basics der Kinderheilkunde bestens vertraut. Als Hebamme praktizierte sie 5 Jahre lang im Kreißsaal. Heute ist sie selbst Mutter von zwei Kindern und aktuell Schwanger. Ende diesen Jahres kommt ihr 3tes Kind zur Welt.

Als Hebamme begleitet sie werdende Mütter durch ihre Schwangerschaft bis weit in das erste Lebensjahr der Babys. Mit ihren Kursen brieft sie die Mamis in Spe in einer liebevoll fürsorglichen Atmosphäre. Sie unterstützt sie nicht nur bei der Geburtsvorbereitung mit Rat und Tat, sondern gibt Kurse zu den Themen Rückbildung und BabymassageZukünftig folgen außerdem Seminare zum Thema Beikost.

 

Hallo Frau Becker, wir freuen uns sehr, dass Sie sich Zeit für unser Interview nehmen. Sie als Expertin können uns sicherlich direkt auf eine oft gestellte Frage antworten: Ab wann genau braucht eine Frau eine Hebamme?

Kristin Becker: Ab Beginn der Schwangerschaft steht einer Frau bzw. Familie die Betreuung durch eine Hebamme zu. So kann die Hebamme von Anfang an beratend und unterstützend bei Fragen, Sorgen und Problemen zur Seite stehen. Die Kosten werden komplett von den gesetzlichen Krankenkassen getragen. Außerdem lernt man sich durch die lange Zeit der Schwangerschaft dann auch richtig gut kennen, denn im Wochenbett kommt die Hebamme regelmäßig zu den Familien nach Hause und der Kontakt ist sehr eng. Ist im Vorfeld schon Vertrauen aufgebaut, fällt das oft leichter.

 

Sobald eine Schwangerschaft feststeht, kann also die Suche nach einer Hebamme beginnen. Doch wie bekommt man eigentlich eine Hebamme?

Kristin Becker: Es gibt tatsächlich mittlerweile Suchmaschinen, die bei der Hebammensuche unterstützen sollen. Dort kann man nach Postleitzahl und gewünschter Leistung die passende Hebamme finden. Viele Kolleginnen haben heutzutage aber auch einen eigenen Internetauftritt und so findet man die nächstgelegene Hebamme oft schon durch eine allgemeine Suchmaschine. Viele größere Städte haben eine Hebammenliste, in der alle verfügbaren Hebammen eingetragen sind. Diese Listen liegen dann in Krankenhäusern und Arztpraxen aus. Des Weiteren gibt es noch die Möglichkeit direkt bei der eigenen Krankenkasse nach Hebammen in der Nähe zu fragen. Auch ein Anruf im nächstgelegenen Kreißsaal kann manchmal hilfreich bei der Suche sein. Die Kolleginnen im Kreißsaal betreuen zum Teil selbst Frauen im Wochenbett oder wissen zumindest welche Hebammen freiberuflich tätig sind. Wie bereits erwähnt, werden die Kosten für die Hebammenbetreuung von den gesetzlichen Krankenkassen getragen, bei den privaten Kassen kommt es auf das Leistungsspektrum an. Wichtig ist, dass man sich so früh wie möglich auf die Suche nach einer Hebamme begibt. In manchen Regionen ist der Mangel so groß, dass es wirklich schwierig ist, überhaupt jemanden für die Betreuung zu finden.

 

Nun ist die Frau schwanger und befindet sich mitten in der Suche nach einer Hebamme. Zahlreiche Webseiten und Vorschläge auf  Suchmaschinen und Listen den eben erwähnten Listen. Woran erkennt eine Frau „die richtige“ Hebamme für sich?

Kristin Becker: Puh, das ist wirklich eine schwere Frage. Es gibt die Möglichkeit, die Hebamme in einem persönlichen Gespräch erst einmal kennen zu lernen. Es sollte der Familie aber bewusst sein, dass die gesetzliche Krankenkasse solch einen Termin nur einmal bezahlt. Wer sich mit mehreren Hebammen trifft, sollte dies unbedingt bei den Hebammen ansprechen. In solch einem Gespräch werden die Daten der Frauen erhoben und eine ausführliche Anamnese gemacht. Die Hebamme erklärt den weiteren Ablauf und die Familie hat die Möglichkeit Fragen zu stellen. In solch einem Gespräch merkt man schnell, ob „die Chemie stimmt“. Wichtig ist, dass man es offen und ehrlich anspricht, wenn man das Gefühl hat, dass es nicht passt. Denn die Betreuungsdauer durch die Hebamme ist relativ lang, der Kontankt sehr intensiv und die Familie sollte über ihre Sorgen, Probleme und Ängste offen sprechen können. Dafür braucht es Vertrauen und Sympathie. In aller Regel ist dann auch niemand böse und beleidigt, wenn offen und ehrlich darüber gesprochen wird. Auch wenn sich während der Betreuung Differenzen ergeben, ist man immer gut beraten, wenn man das direkte Gespräch sucht und auf die Probleme aufmerksam macht. Unterschiedliche Einstellungen oder Ansichten sollten kein Hindernis darstellen.

Ängste und Probleme anhören, Rat geben, Untersuchungen durchführen, und und und – Was gehört denn zu den Aufgaben einer Hebamme?

Kristin Becker: Die Hebamme ist die Fachfrau für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit. Bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft können die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen inklusive Blutentnahme, Urinkontrollen etc. durch die Hebamme erfolgen. Der Ablauf ist ähnlich dem  beim Frauenarzt, da auch eine Hebamme nach den Mutterschaftsrichtlinien arbeitet. Die Atmosphäre ist jedoch meist angenehmer, entspannter und vertrauensvoller. Zudem ist die Hebamme oft zeitlich nicht ganz so unter Druck. Nur die Ultraschalluntersuchungen müssen vom Frauenarzt durchgeführt werden. Stellt die Hebamme bei der Untersuchung Auffälligkeiten fest, überweist sie die Schwangere an einen Gynäkologen. Bei Beschwerden während der Schwangerschaft kann sich die Frau ebenfalls Rat und Hilfe bei ihrer Herbamme holen. Abgerundet wird die Betreuung während der Schwangerschaft durch die Leitung von Geburtsvorbereitungskursen. Hier gibt es verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten: reine Frauenkurse mit oder ohne Partnerabend, Paarkurse, Wochenendkurse usw…

Viele Frauen wissen leider nicht, dass sie auch bei einer Fehlgeburt, egal in welcher Schwanger-schaftswoche, Anspruch auf die Begleitung durch eine Hebamme haben. Dabei ist die Aufarbeitung eines solchen Erlebnisses ein wichtiger Punkt.

Laut Gesetz muss bei jeder Geburt eine Hebamme anwesend sein. Das bedeutet, dass Hebammen Frauen unter der Geburt begleiten. Dabei hat die Familie die Wahl, in welchem Umfeld die Geburt stattfinden soll. Am häufigsten finden in der heutigen Zeit die Geburten in der Klinik statt, entweder mit der Hilfe der angestellten Klinikhebamme oder einer Beleghebamme. Doch bei einer physiologisch verlaufenden Schwangerschaft hat man auch die Möglichkeit sein Kind außerklinisch zu gebären. Oft hindert die Familien leider der Trugschluss, dass eine Geburt im Krankenhaus die sicherste Variante ist daran, eine Geburt außerhalb der Klinik in Erwägung zu ziehen. Tatsächlich ist aber eine Geburt im Geburtshaus oder gar zu Hause überhaupt kein riskantes Abenteuer. Mit der qualifizierten und vertrauensvollen Begleitung einer Hebamme laufen diese Geburten oft entspannter und selbstbestimmter ab. So können die Frauen in einer angenehmen Atmosphäre in ihrem Tempo und nach ihren Wünschen ihre Kinder gebären. Auch hier ist es so, dass bei Auffälligkeiten die Hebamme rechtzeitig eine Einweisung in die Klinik einleiten wird.

Nach der Geburt beginnt die Zeit des Wochenbettes. Für die Dauer von maximal 12 Wochen nach der Geburt kann die Hebamme zu den Familien nach Hause kommen, beobachtet Mutter und Kind, gibt Tipps und Hilfestellungen, trocknet Tränen und unterstützt bei dem Prozess des Familiewerdens. Ca. acht Wochen nach der Geburt (nach einem Kaiserschnitt etwas später) kann die Frau bzw. sollte die Frau einen Rückbildungkurs besuchen, der ebenfalls von einer Hebamme geleitet wird.

Nach Ablauf der 12 Wochen bis zum Ende des neunten Lebensmonats des Kindes, hat die Familie die Möglichkeit ihre Hebamme bei Problemen rund um das Thema Stillen oder Ernährung und Beikosteinführung zu kontaktieren.

Das alles sind Leistungen, die von den gesetzlichen Krankenkassen getragen werden. Es gibt jedoch noch die Möglichkeit weitere Angebote wahrzunehmen, wie z.B. Babymassagekurse oder Beikostseminare usw. Diese werden dann aber privat gezahlt. 

 

Frau Becker, Dank Ihnen haben wir sehr viele Einblicke zum Berufsfeld einer Hebamme bekommen. Uns interessiert, wie Sie eigentlich auf diesen Beruf gekommen sind?

Kristin Becker: Meine Urgroßmutter war Landhebamme. Sie ist mit dem Pferdewagen von Dorf zu Dorf gereist und hat die Frauen bei ihren Geburten begleitet. Meine Oma hat mir immer Geschichten von ihr erzählt, die mich schwer beeindruckt haben. Schon als kleines Mädchen stand für mich fest „Ich werde einmal Hebamme“. Nach meinem Abitur habe ich nicht direkt einen Ausbildungsplatz bekommen. Deshalb habe ich zuerst den Beruf der Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin erlernt. Heute bin ich wirklich froh, dass es so gekommen ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich persönlich mit 18 Jahren noch nicht die nötige Reife für diesen Beruf hatte. 

 

Ein äußerst facettenreicher Beruf, der wahrscheinlich auch viel abverlangt. Was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Kristin Becker: Zum einen die Vielseitigkeit. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten nach Abschluss der Ausbildung bzw. des Studiums zu arbeiten – als angestellte Hebamme, als angestellte Hebamme mit freiberuflicher Tätigkeit, als rein freiberuflich tätige Hebamme, mit oder ohne Geburtshilfe, nur in der Schwangerenvorsorge, nur Wochenbettbetreuung, nur Kurse, eine Mischung aus allem. Jede Hebamme findet ihren Platz.

Etwas ganz besonderes ist es für mich, die Familien in diesem aufregenden, besonderen, emotionalen und lebensverändernden Abschnitt ihres Lebens zu begleiten. Ich darf immer wieder aufs Neue erleben, wie das Baby im Bauch seiner Mama heranwächst, wie sich die Schwangere während dieser Zeit verändert und wie das Paar letztendlich mit dem Baby zu einer Familie heranwächst. Außerdem darf ich das Wunder der Geburt so oft erleben. Was gibt es Schöneres?! Ich bin wirklich sehr dankbar, dass ich diesen tollen Beruf ausüben darf. 

 

Vielen Dank Frau Becker für die einmaligen Einblicke in Ihren facettenreichen Beruf als Hebamme und für die hilfreichen und ausführlichen Informationen. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie zunächst einmal eine tolle Schwangerschaft und eine wunderschöne Elternzeit!

 

 

Fotos: Peggy Krombholz – Glorious Photography Nordhausen

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