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An der Pädagogikfront: Lehrerin & Didaktikberaterin Marie Czilwik setzt sich für ein modernes Schulsystem ein – KITAnGO

Noch nie waren die Herausforderungen in Deutschlands Schulen so groß wie heute. Durch die Digitalisierung steht das Schulsystem in Deutschland vor einer der größten und schwersten Aufgaben, seit seiner Einführung. Im Interview spricht die Lehrerin und didaktische Beraterin Marie Czilwik über die Risiken und Chancen, die dieser Wandel mit sich bringt.

 

Marie Czilwik ist Lehrerin und didaktische Beraterin in Berlin. Gerade berät sie das Berliner Start-up DIE ZUKUNFTSBAUER und die Weddinger Schule Quinoa. In ihrer pädagogischen Arbeit beobachtet sie, dass das bestehende Bildungssystem zunehmend an seine Grenzen kommt. Und fordert deshalb ein Umdenken an den Schulen.

 

Hallo Frau Czilwik, wir freuen uns sehr, dass Sie heute mit uns über die Schule der Zukunft, sprechen. Was können wir uns darunter eigentlich vorstellen?

Marie Czilwik: Es gibt kein einheitliches Rezept für die Schule der Zukunft. Die Schule der Zukunft vereint in meinen Augen altbewährte Konzepte mit neuen innovativen Lernideen. Ziel muss es dringend sein unsere Schule von heute an die Welt, in der Heranwachsende leben, anzupassen. Ich könnte hier sehr ins Detail gehen, vielleicht nur ein Beispiel, was das konkret für den Schulalltag heißt. Wir müssen endlich weg von der reinen Wissensvermittlung hin zu gestalterischen, kreativen Kompetenzen. Das beginnt natürlich bereits in der Ausbildung der Lehrkräfte. Wir können nicht mehr so tun, als gäbe es eine perfekte Unterrichtsstunde, bei der am Ende Ergebnisse antizipiert werden die eindeutig in ein Richtig-Falsch-Schema fallen. Dennoch gibt es natürlich bewährte Konzepte wie z. B. eine Schrittigkeit des kognitiven Lernprozesses (also sich Wissen aneignen, es in einer Transferleisung wiedergeben und schließlich anwenden), der aber dringend angereichert werden muss mit offeneren Denk- und Lernprozessen, wie es z. B. die Methode des Design Thinking tut. Hierbei wird allem voran geschult, wie man Probleme in einem iterativen Prozess lösen kann, dass Fehler notwendig sind, um sich weiterzuentwickeln und sie nicht abqualifizert werden.

 

Aus welcher Motivation heraus setzen Sie sich für ein innovatives Schul- bzw. Bildungssystem ein?

Marie Czilwik: Ich liebe es mit Jugendlichen zu arbeiten. Der Moment, wenn ein Mensch etwas neu Gelerntes in sein Tun und Handeln integriert, sein Wissen verknüpft und Sinn entsteht, ist für mich jedes Mal ein besonderer. In meinem Tun habe ich immer ein Augenmerk auf Lernende, die aus verschiedenen Gründen anecken in dem heutigen Schulsystem. Ich bin der Meinung, dass jedes Kind ein Recht auf Bildung hat, die wirklich bewegt, interessant ist und für den Einzelnen Sinn stiftet.

Zudem begeistert mich die Idee, Schule für die Herausforderungen unserer Zeit und die unserer zukünftigen Gesellschaft fit zu machen.

 

Welche Probleme ergeben sich momentan zwischen den „altbewährten“ Lehrmitteln und der „zukünftigen“ Gesellschaft?

Marie Czilwik: Warum gehen wir eigentlich in die Schule, ich kann doch alles googeln?“, fragte mich eine Schülerin. Die Probleme ergeben sich in meinen Augen nicht deshalb, weil wir an Schulen noch überwiegend mit analogen Lehrmitteln arbeiten. Das Problem ist doch eher folgendes: Unsere Lehrpläne sind vollgepackt mit Wissen, das hat sich seit der Kompetenzorientierung nicht maßgeblich verändert. Es kommt doch nicht mehr darauf an, was wir wissen, sondern was wir mit diesem Wissen tun und wie wir handeln. Jugendliche müssen lernen, wie er/sie mit dem Informationsfluss, den kommunikativen Möglichkeiten und allem voran mit rasanten Veränderungen seiner/ihrer Welt umgehen kann. Hierzu gehört auch, dass wir es uns im 21. Jahrhundert nicht leisten können, Fächer isoliert voneinander zu unterrichten als hätten sie nichts miteinander zu tun. Das entspricht einfach nicht der Lebenserfahrung der Jugendlichen. Die rasante Entwicklung unserer Welt bedingt durch Digitalisierung bzw. Technologisierung, Globalisierung und Vernetzung wird in diesem Tempo weitergehen. Wir brauchen zukünftig Menschen, die das Handwerkszeug haben, sich zu orientieren und ihre eigene Rolle in dieser Welt finden bzw. eine Haltung einnehmen und engagiert ihre Welt mitgestalten. Die Bemühungen, das Schulsystem an unsere Zeit anzupassen schlagen leider in meinen Augen zu häufig fehl und beladen das System lediglich mit noch mehr bürokratischen Hürden, die der Lehrende von heute neben seiner vielfältigen Tätigkeit auch noch bewältigen muss. Wir verlieren dadurch den Blick auf das wirklich Wesentliche: Die Kinder.

Nehmen wir den Digitalpakt: Er bleibt in meinen Augen ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn wir nicht endlich beginnen im Schulsystem Veränderungen mit einer Vision anzustoßen. Der Digitalpakt soll die längst überfällige digitale Grundausstattung an Schulen gewährleisten. Ganz wichtig ist hierbei aber auch die Weiterbildung der Lehrkräfte. Fragwürdig, ob das passiert und ob die angesetzten Gelder dafür reichen. Kurz gesagt: Schulen auszustatten mit Laptops und WLAN ohne didaktisches Konzept bzw. Weiterbildung der Lehrkräfte und Einrichten einer Vollzeitstelle für die Wartung dieser neuen Tools – das ist doch einfach gedankenlos.

 

Mit welchen Herausforderungen werden Lehrer und andere pädagogische Kräfte momentan und in Zukunft im Schulalltag konfrontiert?

Marie Czilwik: Die größte Herausforderung wird es sein, dass dies nicht eintritt:

Jugendliche, die spüren, sie kommen in ein vergangenes, ihnen fremdes Zeitalter, sobald sie die Eingangstür ihrer Schule betreten.

Lehrkräfte, die spüren, dass sie sich nicht mehr mit dem, was sie alltäglich lehren und tun müssen, identifizieren.

 

Warum ist ein Umdenken so essenziell für Deutschlands Schulen?

Marie Czilwik: Unser Schulsystem hat sich in seinen Grundpfeilern seit dem 19. Jahrhundert nicht wesentlich verändert. Es unterrichten in diesem System Lehrkräfte, die überwiegend im 20. Jahrhundert ausgebildet wurden. Die Schüler*innen von heute sind in einem neuen Zeitalter, im 21. Jahrhundert geboren…

Wir müssen nur auf die Entwicklungen der letzten Jahre schauen. Nachhilfeinstitute erhalten immer mehr Zulauf, genauso wie Privatschulen. Wir müssen dringend etwas tun und das staatliche Schulsystem umdenken.

 

Welche Chancen und Risiken ergeben sich für Schüler und Lehrer?

Marie Czilwik: Digitale Lösungen sind ein großartige Chance für die Bildung. Wenn wir klug sind, könnten digitale Anwendungen in Zukunft zeitraubende Tätigkeiten wie z. B. das Korrigieren bzw. Diagnostizieren im Allgemeinen sowie Individualisierung des Lernprozesses dem Lehrenden weitestgehend abgenommen werden. Zudem bietet natürlich die digitale Welt einen wahnsinnig spannenden Fundus an Wissen und Lernmöglichkeiten.

Wir brauchen natürlich– wie bei herkömmlichen Lehrmitteln auch – didaktische Überlegungen und somit einen didaktisch sinnvollen Umgang damit.

 

Wie kann Ihrer Meinung nach DAS Bildungskonzept der Zukunft aussehen?

Marie Czilwik: Schule an sich muss flexibler werden. Deshalb gibt es DAS Konzept nicht. In meinen Augen müssen wir aber die Grundlagen schaffen, um überhaupt einen fruchtbaren Nährboden für Innovationen und Flexibilität zu schaffen.

Hierzu gehört für mich allem voran Raum und zwar in organisatorischer, personeller und professioneller Hinsicht, sich den Kindern zuzuwenden. Hierzu gibt es großartige didaktische Konzepte, die sich bewährt haben, ein Beispiel wäre ein Tutoren-System.

Zudem brauchen Lehrkräfte heute dringend mehr physische Räume, Zeitfenster und Konzepte, um in offenen, kreativen Prozessen ihre Schule für die Kinder, mit denen sie tagtäglichen arbeiten,  mitzugestalten. Vielerorts haben Lehrkräfte an Ganztagsschulen nicht einmal einen eigenen Arbeitsplatz… Dringend müssen wir die Lehrkräfte durch Vernetzung und sinnvoller Verlagerung der Tätigkeiten stärken.

Für eine inhaltliche, fachliche Schwerpunktsetzung eines zeitgemäßen Bildungskonzepts müssen wir uns die Frage stellen: Was müssen Heranwachsende für ihre Zukunft wissen und können? Das Problem dabei ist, dass wir diese Frage heute in ihrer Gänze garnicht beantworten können. Betrachten wir unsere Welt heute aber, ergeben sich sinnvolle didaktische Schwerpunkte wie z. B. die Schulung der Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Heranwachsenden in ihrer Welt, hier gekoppelt an die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, der Umgang mit Unsicherheit und Wandel und der kritische Umgang mit der digitalen Welt.

DAS Bildungskonzept für die Zukunft gibt es nicht. Sicher ist aber, dass sich DAS, so wie es ist, ändern muss. Dafür brauchen wir kluge Ideen, neue Konzepte und allem voran brauchen wir Menschen, die mit Herz und Verstand diesen Entwicklungsprozess schnell vorantreiben.

 

Vielen Dank Frau Czilwik für die wertvollen Einblicke in die Welt der Schulbidung. Wir sind gespannt, in welche Richtung sich die „Schule 2.0“ entwickeln wird!

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