Die kindliche Sprachentwicklung: 1. bis 6. Lebensjahr – KITAnGO

Zunächst einmal ist es wichtig zu erwähnen, dass folgende Angaben lediglich Richtmaße sind. Es handelt sich um grobe Zeiträume und nicht genaue Zeitpunkte. Jedes Kind ist individuell zu betrachten und entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Das bedeutet, dass manche Kinder eine Phase schneller durchlaufen als andere. Manche Phasen werden übersprungen oder verschoben. Deshalb ist es wichtig, das Kind nicht streng nach Tabellen, Lektüren oder anderen Kindern zu vergleichen. Außerdem sollte man es nicht unter Druck setzen, da es sich im schlimmsten Fall verschließt. Dann stagniert die Entwicklung erst recht!

 

Wie verhält man sich „richtig?“

Die Aufgabe der Eltern und Erzieher besteht darin, sich mit der Sprachentwicklung des Kindes vertraut zu machen, um eventuell auftretende Schwierigkeiten frühzeitig genug zu erkennen. Um einen Überblick über die Entwicklung zu bekommen, habe ich die wichtigsten Meilensteine zusammengefasst. Diese beziehen sich auf die ersten 6 Lebensjahre des Kindes:

 

1. – 6. Monat

Kind kann schreien, gurren, lallen, quietschen und brabbeln.

Beispiel: „gr gr“, „ah ah“, „ech ech“, „oh oh“, „ba ba“, „ga ga“

Aufgabe: Bei jeder Gelegenheit mit dem Kind sprechen, Laute des Kindes wiederholen, Kinderlieder und Fingerspiele vorsingen, Gegenstände betiteln.

 

7. – 12. Monat

Kind kommt in die Lallphase und es werden ganze Lallmonologe und Silbenketten gebildet.

Beispiel: „bababa“, „mamamama“, „gagagaga“, „atta atta“, „brrrr brrrr“, „papapapa“

Aufgabe: Weiterhin viel mit dem Kind sprechen, Bewegungsspiele (Hoppel-Hoppel-Reiter) machen und weiterhin Gegenstände betiteln.

ACHTUNG:
Wenn nach der Lallphase (zwischen dem 7. Und 10. Monat) die Produktion der Laute wieder aufhört, kann der Verdacht auf Hörprobleme bestehen. Dann sollte dringend ein Arzt aufgesucht werden.

 

1. – 1,5. Jahr

Kind beginnt einfache Wörter einzeln nachzusprechen. Es kennt jedoch noch nicht immer die Bedeutung. Einzelne Gegenstände werden betitelt und es reagiert auf Fragen (durch hinschauen, hinzeigen, etc.).

Beispiel: „Mama“, „Wau-Wau“, „Pipi“, „Ham-Ham“, „Ball“, „mein“

Wortschatz: ca. 10 – 20 Wörter

Aufgabe: Alle eigenen Handlungen und die des Kindes kommentieren, vermehrt Bilderbücher schauen und kommentieren, immer wieder kurze Fragen stellen und das Kind darauf reagieren lassen.

 

1,5. – 2. Jahr

Kind kann zwei bis drei Wörter aneinander reihen, um sich mitzuteilen. Es beginnt viel zu Fragen, indem es auf Gegenstände zeigt. Es ahmt gerne Tierlaute nach.

Beispiel: „Das da?“, „Isn das?“, „Nane?“ (Banane), „Apl?“, (Apfel) „sein“, „dein“

Wortschatz: ca. 50 – 200 Wörter

Aufgabe: Weiterhin Bilderbücher anschauen und sich vom Kind bestimmte Dinge zeigen lassen. Mit dem Kind weiterhin viel sprechen. Spricht das Kind bestimmte Worte falsch aus, dann nicht korrigieren, sondern im nächsten Satz richtig aussprechen.

ACHTUNG:
Wenn das Kind zwischen 1,5 – 2 Jahren nicht mindestens 10 Wörter spricht, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Dann besteht der Verdacht einer Sprachverzögerung.

 

2. – 3. Jahr

Kind kann über sich reden durch „ich“ oder Nennung des eigenen Vornamen. Der Wortschatz wächst rasant. Hinzu kommt der Erwerb der ersten Fragewörter und Bildung von Nebensätzen.

Beispiel: „Nicht tönnen lafen.“, „Wo?“, „Wann?“, „Was?“, „und“, „aber“, „oder“

Wortschatz: ca. 300 – 500 Wörter

Aufgabe: Viele Geschichten erzählen und vorlesen, über Vergangenes reden und dabei Fragen an das Kind stellen (Vergangenheitsform lernen). Weiterhin Handlungen kommentieren.

 

3. – 4. Jahr

Kind entwickelt eine Zeitvorstellung (heute, gestern, morgen) und benennt Farben. Zwischenzeitlich kann es zu Entwicklungsstottern kommen, da das Kind schneller sprechen will, als es kann. Dies legt sich aber meist nach ca. 6 Monaten.

Beispiel: „Da ist ein Mann. Der guckt ausm Fensta. Wa(r)um?“

Wortschatz: ca. 800 – 1000 Wörter

Aufgabe: Das Kind Erlebnisse erzählen lassen. Nach Einzelheiten fragen, damit sich das Kind im Sprechen und Denken üben kann. Mit dem Kind in ein Dialog gehen und so oft wie möglich austauschen.

 

4. – 6. Jahr

Kind kann komplexe Sätze und Nebensätze bilden. Diese können noch fehlerhaft sein. Die meisten Laute sollten fehlerfrei gebildet werden. Es sollte Zusammenhänge, Handlungen und Bilderbücher beschreiben können. Die Grammatik (auch in der Vergangenheit) sollte weitestgehend Fehlerfrei sein.

Beispiel: „Gestern war ich mit Papa einkaufen.“, „Als ich noch kleiner war, konnte ich noch nicht alleine raus.“

Wortschatz: ca. 1500 – 5000 Wörter

Aufgabe: Weiterhin viel mit dem Kind sprechen und es dadurch zum reden animieren. Geschichten, Handlungen und Erlebnisse aus der Vergangenheit eignen sich am besten dazu. Weiterhin Zusammenhänge erfragen und begründen lassen.

ACHTUNG:
Wenn das Kind bis zum 5. Lebensjahr die Laute falsch bildet, die Grammatik nicht beherrscht oder der Wortschatz eingeschränkt ist, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Das gilt auch für eine Babysprache oder Eigensprache des Kindes, sowie die Sprachverweigerung.

 

Verläuft die Entwicklung des Kindes nicht strikt nach Schema, so liegt nicht in jedem Fall sofort eine Sprachstörung vor. Wie bereits gesagt: Jedes Kind entwickelt sich individuell und holt meist schnell auf!

 

Uta Hellrung; „Sprachentwicklung und Sprachförderung – Beobachten, verstehen, handeln“
Uta Hellrung; „Sprachentwicklung und Sprachförderung – Beobachten, verstehen, handeln“

 

Bitte beachten:

Es ist wichtig, beobachtete Auffälligkeiten früh genug mit dem Arzt abzuklären, um rechtzeitig gezielt eingreifen und helfen zu können.

 

Weitere Interessante Artikel zum Thema „Sprachentwicklung von Kindern„:

Spracherziehung: Förderung des Sprechens

Sprachentwicklungsstörung: mögliche Ursachen

 

 

Foto: Pixabay

2 KOMMENTARE

  1. Super! Also ich muss sagen, dass ist wirklich gut erklärt. Auch mit den Beispielen. Ich habe mich sehr umfangreich wegen meiner Kleinen (19 Monate) informiert, aber dieser Bericht ist so verständlich geschrieben. Toll. Vielen Dank!

  2. Warum sollte man ein Kind nicht liebevoll korrigieren, wenn es etwas falsch ausspricht (also nicht unterbrechen, aber wenn das Kind ausgesprochen hat)? – Ich mache das immer bei den Kindern in meinem Bekannten/ Verwandtenkreis und die mögen mich und lernen dadurch gut. Und ich ergänze auch Sätze, wenn ein Kind mir versucht etwas mitzuteilen und Wörter nicht findet. Allerdings muss man dafür ausreichend Empathie haben, damit man schnell das Richtige ausdrückt, sonst ist es für Kinder eher frustrierend, als hilfreich. In dem Moment sind Kinder meistens auch sehr motiviert das noch einmal Nachzusprechen, weil sie erleichtert sind.
    Außerdem ist meine Erfahrung, dass Kinder Wörter eher verstehen, als sie sie sprechen können. Wichtig ist zudem immer möglichst deutlich zu sprechen und das Kind beim Sprechen anzusehen, ohne diesen Babytonfall zu haben. Ab dem 7. Monat sollte man möglichst kommentieren, während man auf die aktuellen Bedürfnisse des Kindes eingeht (von Hunger/ Essen, Schlafen, Wickeln, etc.).
    Und auch Kinder zwischen 4-6 Jahren sollten regelmäßig und viel vorgelesen bekommen an Kinderbüchern (Wie Erich Kästner, Astrid Lindgren und Co). Das steigert die Motivation später selbst lesen zu wollen, fördert Kinder mit LRS vorsorglich, erweitert die Grammatikkenntnisse, vergrößert den Wortschatz massiv und ermöglicht die Differenzierung zwischen Schriftsprache und gesprochener Sprache.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here