Entwicklung, Erzieher, Erziehung

Gendererziehung: Ist „blau“ noch männlich & „rosa“ noch weiblich? – KITAnGO

Ein Leben ohne Geschlechtsstereotype?

Wir leben in unruhigen Zeiten. Grenzen, die wir einmal kannten, scheinen aufgelöst. Digitalisierung & Globalisierung sorgen längst dafür, dass an einem Tag der Job in Frankfurt, am nächsten der in Singapur angesagt ist. Umzüge ganzer Familien, auch über Landesgrenzen hinweg, gehören zur Tagesordnung. Für den modernen Menschen gibt es keine Hinderungsgründe mehr.

Auch die traditionelle Rollenverteilung Mann/Frau gilt als überholt. Heute steht auch der Mann am Herd, kümmert sich um Hund, Katze, Kind und nimmt voller Demut hin, dass die Ehegattin beruflich mehr rausholen darf als er. Gepriesen sei er für leckeren Sonntagsbraten!

Wo bleiben bekannte Kategorien, wo Grenzen, die Orientierung liefern? In Zeiten, in denen ein geschminkter 11-jähriger US-Junge samt Lippenstift und gemachten Nägeln offen „Drag“ trägt, scheinen Geschlechterunterschiede, die Grenzen zwischen Junge & Mädchen, immer rascher verloren zu gehen. Darf Männlein noch blau und Weiblein rosa? Oder ist das verpönt? Und was hat das alles mit Kindererziehung zu tun?

 

Kommt unsere Gegenwart ohne Zuschreibungen aus?

Früher galt: Die Frau gehört an den Herd. Ausschließlich Hausfrau und Mutter zu sein gilt heute als ein Modell, das scheinbar ausgelaufen ist. Dennoch: Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten – nehmen wir das Jil-Sander-Working Girl der frühen Neunziger Jahre als nur ein Beispiel, eine Menge für die Frau, sowohl gesellschaftlich als auch beruflich, getan hat – entgegen aller Errungenschaften entscheidet sich Frau auch heute noch für das Kind und gegen den Beruf. Nur ist „Kind“ heute kein absolutes Ausschlusskriterium mehr. Der seinerzeit definitive Entschluss weicht heute vielen Möglichkeiten. Wenn’s hart auf hart kommt, bleibt eben Papa zuhause.

Markiert das kleine Drag-Kid Desmond („Desmond is amazing“) aus New York also unsere trans-liberale Gegenwart ohne Festschreibung? Ist rosa Glitzer-Lidstrich beim Jungen das Resultat einer Erziehung ohne Geschlechtsstereotype oder bloß ein cleverer Marketing-Trick mehr?

 

Hier ist die Welt noch in Ordnung: Rosa-Pinke Spielfahrzeuge von LENA®Spielzeug.

   

 

„Blau“ ist männlich, „rosa“ ist weiblich – wir können nicht anders

Nun kommt der Schock: Wir alle fördern Geschlechtsklischees­ – unschön, aber wahr! Warum denn das?

Jeder Mensch nimmt an der Gesellschaft teil. Gesellschaftliche Denk- & Handlungsmuster werden zwangsläufig weitergegeben, ob diese nun „gut/schlecht“ (wer entscheidet das schon?), intendiert oder nicht-intendiert sind, das spielt keine Rolle. So begleiten uns auch Geschlechtsstereotype wie Angewohnheiten, von denen wir einfach nicht lassen können. Wir schreiben bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen eindeutig Mann oder Frau zu, so sagt die Wissenschaft. Einmal erlernt, ein Leben lang intus – so schaut’s nun mal aus. Wir können einfach nicht anders.

Es sind wohl genau jene Momente, wo wir uns fragen: Woher kommt gerade meine Einstellung zu dieser Sache? Warum bin ich der Meinung, dass Mädels nicht in Fußballklamotten gehören? Oder umgekehrt: Warum dreht sich mir der Magen um, wenn ich Klein-Desmond in Frauenkleidern und Hochhackigen sehe? Als aktive Mitglieder einer multi-optionalen Umwelt fühlen wir uns angesichts eigener Stereotype ertappt – „bin ich wirklich so engstirnig?“, wird da oft die Frage laut.

 

Selbst Eltern können nicht anders

Bestätigt Klischees, hilft aber der Orientierung: Flotter My First Scooter in Jungs-Blau

Natürlich fördert auch jedes Elternteil Geschlechterklischees und treibt diese voran – ohne Wissen und Intention. Bezüglich Kindererziehung sei dies besonders hervorgehoben, denn Kinder ahmen sehr gern nach. Vor allem das Alltagsverhalten ihrer Eltern!

Bereits Kleinkinder finden Orientierung in elterlichen Verhaltensmustern. So wissen 2-3-jährige sehr wohl, zu welcher Kategorie Geschlecht sie oder andere Kinder gehören. Urteile bilden sich bei Kindern hierbei aufgrund von Verhaltensangebot, -nachahmung und sozialer Zustimmung. So geht der Papa am Sonntag auf den Fußballplatz und nimmt den Sohnemann mit. Mama hütet währenddessen das Haus. Alle und überhaupt jeder findet das toll, vor allem jene Papis, die es ihm jedes Wochenende gleichtun. Klein-Uwe wird sich merken: Fußball & Sonntag gehören zusammen und sind (für ihn) eindeutig männlich konnotiert. Dieses Muster wird er auch seinem Sohn weitergeben.

 

Auch die Umwelt zählt

Womit kommen Jungs im Kindergarten in Kontakt? Es werden wohl Spielzeugautos, Actionfiguren nach Comicvorbild und Ballsportarten sein. Mädels dagegen gleiten traditionell in eine rosafarbene Puppen- & Prinzessinnenwelt ab, wo Cinderella-Traumschlösser gebaut, weiße Pferde beritten oder glitzernde Perlen-Freundschaftsbänder gebastelt werden – soweit das Klischee. Aber mal ehrlich: Ist Ihnen das ein oder andere Utensil nicht auch aus Ihrer KIGA bekannt? So traditionslos wir uns alle selbst sehen, sind wir schlussendlich gar nicht.

Obendrein: Spielzeug, der entsprechende Umgang und die Spiel-Clique sind für Kinder entscheidend: Sie stiften Identität und Gruppenzugehörigkeit. Kinder orientieren sich immer auch an ihrer jeweiligen Umwelt, an Freunden, Bekannten, den auserkorenen Vorbildern. Man wisse also, wer man ist, könne man die folgende Frage eindeutig beantworten: LEGO oder Playmobil? Oder: Feuerwehrmann Sam oder Barbie? Zählt sich Klein-Lilly keinem Lager zu, bleibt sie die Außenseiterin, eine Prinzessin auf der Erbse. Und wer will das schon?

 

Geschlechtsstereotype: Frage der Haltung

Süß oder? Kleines Mädchen mit Princess-Kipper von LENA® Spielzeug

Wir sehen nun: Stereotype bringen Vor- und Nachteile. Einerseits stecken wir alle in überholten Denkmustern fest. Diese haben wir von Eltern, Freunden, Großeltern, Vorbildern übernommen und gelernt. Welches Verhalten männlich und welches weiblich ist – unsere Kindheit hat uns dies in einem Lernprozess eingetrichtert. Hinzuzufügen bleibt, dass hierbei Differenzen natürlich umso schärfer sind, je stärker die familiäre Herkunft bürgerlich-patriarchalisch geprägt ist.

Doch wo steckt der Vorteil, wenn es Eltern scheinbar unmöglich ist, Kinder geschlechtsneutral zu erziehen? In Erkenntnissen, die weder schwarz noch weiß sind. So brauchen Kinder Orientierung und Identitätsstiftung. Eine grenzziehende Einteilung in Mann/Frau bzw. in Geschlechtsstereotype kann hierbei helfen. Vor allem darf das Verhalten von Gruppen und Gemeinschaften nicht aus dem Blick fallen. Es ist maßgeblich wichtig. Schließlich wird Ihr Kind später in unserer Gesellschaft funktionieren müssen. Umso schwerer haben es Einzelgänger, die stets ohne Orientierung an kollektiven Verhaltensweisen erzogen worden sind.

Schlussendlich liegt unser aller Vorteil zum Thema darin, eine neue Haltung zum Thema entwickeln zu dürfen. Ruhig darf diese aus einer Gelassenheit sprechen; der stummen Übereinkunft, dass man manche Dinge, vor allem erlernte Verhaltensmuster, nur schwerlich ändern kann. Gelassenheit üben! Eine allgemeingültig-„richtige“ Erziehung gibt es sowieso nicht – so steht es auch um das Verhalten mit den Stereotypen. Dennoch: Hinterfragen lässt sich vieles. Aber wer möchte das permanent?

Ob Junge oder Mädchen – Eltern sollten das Geschlecht ihres Kindes nicht so sehr in den Fokus rücken. Sozialisation, Geisteshaltung und Gesundheit haben hier Vorrang. Ob Klein-Uwe in seiner Pubertät noch den Fußball kickt oder sich Glitzer ins Haar streut, vieles ist umweltabhängig und vollends individuell.

So dürfen wir schließlich auch über das „Drag-Kid“ Desmond milde urteilen. Zum einen wurde er in New York geboren, einer der global wohl vielfältigsten Großstädte überhaupt. Dazu ist er im Herzen von Greenwich Village geboren – dem Epizentrum der Gay Community. Normalerweise suchen sich Kinder ihre Vorbilder selbst aus. Was aus dem Kind in Drag wohl geworden wäre, hätte es seine Kindheit in den Südtiroler Alpen zwischen Kühen, Bergen und Bierfesten verbracht…

 

 

 

Video: Youtube „Desmond is Amazing“ (https://www.youtube.com/channel/UCocbfUoMTW8wsizoDxr3aRQ) 

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